Der Aquädukt – Pilgerfahrt zur Mutter der Barmherzigkeit im Kloster Disentis

Disentis hat seit 2024 eine neue Attraktion: «La Pendenta – Graubündens längste Hängebrücke». Weniger bekannt ist, dass Disentis noch einen weiteren Anziehungspunkt hat: einen «Aquädukt» als Ziel einer Pilgerfahrt. Pater Bruno Rieder, Dekan des Klosters Disentis berichtet.

«Pilgern liegt im Trend – meistens zu weit entfernten Zielen, nach Santiago de Compostela, nach Rom. Dabei gibt es auch lohnende Wallfahrtsziele in der Nähe, in Graubünden Ziteil oder die Mutter der Barmherzigkeit in Disentis. Am Sonntag nach Mariä Himmelfahrt begeht die Benediktinerabtei in der oberen Surselva jeweils das Hochfest der Mater Misericordiae mit Pontifikalamt und Prozession.

Das Kloster Disentis hat eine lange Tradition als Wallfahrtsort. Bis zur Barockzeit pilgerten die Gläubigen zu den Klostergründern, den heiligen Placidus und Sigisbert. Auch heute noch kommen viele Menschen zum Hochfest unserer Klostergründer Placidus und Sigisbert am Sonntag vor dem 11. Juli. Seit den Anfängen gehörte zum Kloster eine Marienkirche. Erst seit der Barockzeit entwickelte sich eine grössere Marienwallfahrt, besonders im Zusammenhang mit der Gründung marianischer Bruderschaften für die breite Bevölkerung. 1805 erlaubte der Benediktinerpapst Pius VII. die Errichtung einer Bruderschaft der Mutter der Barmherzigkeit. 1819 pilgerten gegen 8‘000 Pilger am Hochfest Mater Misericordiae nach Disentis. Nach wie vor zieht die Mutter der Barmherzigkeit übers ganze Jahr Menschen an, die ihrer Fürbitte Sorgen und Nöte anvertrauen.

Auf der Suche nach Barmherzigkeit

Wer sich als Pilger auf den Weg macht, sucht etwas: Besinnung, Orientierung, Hilfe in der Not, die Begegnung mit Gott. Oder die Erfahrung von Barmherzigkeit. Für den heiligen Benedikt ist die Barmherzigkeit der Gipfel in seiner Liste von 74 «Werkzeugen, mit denen das Gute getan wird». Er mahnt: «Und an Gottes Barmherzigkeit niemals verzweifeln.» (RB 4,74) Der heilige Papst Johannes Paul II. war überzeugt: «Ausser der Barmherzigkeit Gottes gibt es keine andere Quelle der Hoffnung für die Menschen.»

Inwiefern ist nun Maria die Mutter der Barmherzigkeit? Bereits in der Ostkirche der ersten Jahrhunderte wurde Maria «die Barmherzige» genannt. Erstmals begegnet beim heiligen Benediktiner Odo von Cluny im 10. Jahrhundert die Bezeichnung Marias als Mater Misericordiae. Diese Bezeichnung kann auf zweifache Weise verstanden werden. Erstens: Maria hat als Mutter die Barmherzigkeit empfangen und geboren. Die Barmherzigkeit schlechthin ist Gott. Maria ist Mutter der Barmherzigkeit als Gottesgebärerin, als Mutter Jesu, des menschgewordenen Sohnes Gottes. Zweitens: Maria lebt mütterliche Barmherzigkeit gegenüber allen Menschen. Sie ist eine Mutter von aussergewöhnlicher Barmherzigkeit. Beide Aspekte hängen zusammen. Nur weil Maria als Mutter Jesu so innigst mit ihrem Sohn verbunden ist, ist sie selbst Mittlerin der Barmherzigkeit gegenüber den Menschen.

Mit Maria zu Jesus

Beide genannten Aspekte fliessen zusammen in einem Bild für Maria, das uns der heilige Bernhard von Clairvaux geschenkt hat. In einer Predigt auf das Fest Mariä Geburt nennt er Maria einen Aquädukt. Christus ist der Quell des Lebens. Diese Fülle des Lebens hat sich entäussert, um für uns Menschen zur Gerechtigkeit, Heiligung und Erlösung zu werden. «Herabgeleitet wurde die Quelle zu uns. (…) Durch einen Aquädukt stieg jene himmlische Wasserader herab.» Der Aquädukt ist zwar voll, aber nicht die Fülle selbst. Er nimmt die Fülle der Quelle aus dem Herzen des Vaters auf und teilt sie uns mit – so, wie wir sie fassen können. Dieser Aquädukt ist die Gottesmutter. Alle Initiative liegt bei Gott, Maria ist sein Werkzeug: «Gott wollte, dass wir alles durch Maria haben.» Besonders sein Erbarmen: «In allem und durch alles sorgt Gott für die Elenden: er lindert unsere Angst, weckt den Glauben, stärkt die Hoffnung, überwindet das Misstrauen, richtet den Kleinmut auf.» Und Maria ist für uns Fürbitterin bei ihrem Sohn und wird immer Gnade finden. Denn der Engel sagte zu ihr: «Du hast bei Gott Gnade gefunden.» (Lk 1,30) Wir Menschen suchen Gnade und finden sie durch Maria: Indem sie uns die Gnadenwasser in ihrem Sohn zuführt. Indem sie barmherzige Fürsprecherin ist. Als vollkommene Beterin findet sie, was sie sucht: es reicht der Aquädukt bis zur Quelle selber. Ein Aquädukt ist zuerst dazu da, dass von der Quelle zu den Dürstenden Wasser fliesst. Aber er kann auch in die umgekehrte Richtung begangen werden. So ist es auch bei Maria: sie schenkt uns Jesus und führt uns direkt zu ihm.

Sonntag, 16. August 2026
Hochfest Mater Misericordiae
Pontifikalamt und Prozession
9.30 Uhr, Klosterkirche Disentis

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